»Woran hängst du dein Herz?«

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»Woran hängst du dein Herz?«

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»Woran hängst du dein Herz?«

Gottesdienst im Bonhoefferhaus: Pfarrer Lange predigt über KI — und 80 Besucher diskutieren mit Kaffeetasse zurück.

Wer am Palmsonntag ins Bonhoefferhaus kam, wurde gleich zu Beginn mit einer ungewöhnlichen Bitte begrüßt: Pfarrer Marvin Lange forderte die rund 80 Besucherinnen und Besucher auf, sich mit Kaffee oder Tee auszustatten — die Predigt werde länger. Viele folgten dem Rat. So lauschte die Gemeinde dem sechsten »Gottesdienst akademisch« mit der Tasse in der Hand, während Stephanie Muhl an Orgel und Klavier den musikalischen Rahmen setzte.

Langes Thema: Künstliche Intelligenz und Theologie. Sein Zugang: ungewöhnlich persönlich. Er berichtete von seinem Dekan, einem Komponisten, der ein KI-generiertes Musikstück gehört und danach nur ein einziges Wort gesagt hatte — »dämonisch«. Lange deutete das nicht als Teufelsglaube, sondern als präzise Wahrnehmung: Das Erschrecken gelte nicht der Maschine, sondern der Versuchung, das Echo der Menschheit für die Stimme Gottes zu halten.

Von dort führte der Weg zu Luther. Im Großen Katechismus von 1529 habe dieser geschrieben: »Woran du dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.« KI, so Lange, erfülle diese Beschreibung beunruhigend gut: immer verfügbar, nie urteilend, ohne Gegenleistung. Der Götze marschiere nicht auf — er schleiche sich ein, mit Hilfsangeboten. Und Karl Barth, Theologe des 20. Jahrhunderts, liefere die Gegenthese: Echte Offenbarung komme »senkrecht von oben« — sie lasse sich nicht prompten und nicht optimieren.

Den stärksten Moment schuf Lange, als er von sich selbst sprach. Er hatte eine Predigt gemeinsam mit der KI Claude erarbeitet — vier Stunden, »wie ein großer Kampf«. Das Ergebnis sei besser gewesen als manches, was er alleine schreibe. »Einen Moment lang hatte ich das Gefühl: Ich könnte mich selbst ersetzen.« Die Frage, die ihn seitdem nicht loslasse:

»Bin ich noch Theologe — oder nur noch der Regisseur meiner eigenen Theologie?«

Im anschließenden Nachgespräch, zu dem das Kirchencafé überging, meldeten sich viele zu Wort. Ältere Gemeindemitglieder schilderten die Digitalisierung vor allem als Erfahrung des Ausgeschlossenseins. Andere brachten Themen auf den Tisch, die der Vortrag nicht explizit behandelt hatte: den massiven Energieverbrauch von KI-Rechenzentren und die Arbeitsbedingungen sogenannter KI-Worker, die in Ländern des globalen Südens traumatisierende Inhalte aus Trainingsdaten filtern. KI, so der Tenor dieser Wortmeldungen, sei keine rein spirituelle, sondern auch eine handfeste Gerechtigkeitsfrage.

Parallel zum Gottesdienst leitete Nuria Lange einen Kindergottesdienst mit klassischem Palmsonntags-Programm. Lange selbst arbeitet die Themen des Vortrags derzeit zu einem Sachbuch aus. Der Arbeitstitel fasst sein Anliegen in einem Satz zusammen: Allmächtig, allwissend, allgegenwärtig — klingt nach Gott. Ist aber KI.

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