„Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen“

„Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen“

„Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen“

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„Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen“

Dr. Torsten Lattki referierte in Fulda über das dunkle Erbe des Walter Grundmann und des Eisenacher „Entjudungsinstituts“

FULDA. Es ist ein Datum von hoher Symbolkraft: Am 4. Februar 2026 wäre Dietrich Bonhoeffer 120 Jahre alt geworden – jener Theologe, der schon 1933 die NS-Judenverfolgung öffentlich anprangerte. In krassem Gegensatz dazu stand am Mittwochabend, 11. Februar, im Bonhoefferhaus eine Figur im Zentrum, die ebenfalls 1906 geboren wurde, aber eine der dunkelsten Spuren in der evangelischen Kirchengeschichte hinterließ: der Theologe Walter Grundmann.

Auf Einladung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) Fulda und in Kooperation mit der Bonhoeffergemeinde beleuchtete Dr. Lattki, Studienleiter beim Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Bad Nauheim, das Wirken des Eisenacher „Entjudungsinstituts“. Die evangelische Vertreterin des Vereins, Frau Marliese Heiligenthal, sowie Pfarrer Marvin Lange begrüßten die Gäste. Auch die Vorsitzende der GCJZ, Frau Jutta Hamberger, nahm an der Veranstaltung teil.

Die „Arisierung“ des Glaubens

Was im Wirtschaftsleben als „Arisierung“ bekannt ist, fand im Dritten Reich seine Entsprechung in der Theologie als „Entjudung“. Grundmann, wissenschaftlicher Leiter des 1939 auf der Wartburg gegründeten Instituts, verfolgte ein radikales Ziel: Die systematische Entfernung aller jüdischen Einflüsse aus dem Christentum.

Dazu gehörte die Schaffung einer „entjudeten“ Bibel, des sogenannten „Volkstestaments“. In dieser 1941 erschienenen Anthologie wurde die Hebräische Bibel (Altes Testament) komplett gestrichen, da sie Ausdruck einer „fremden Rassenseele“ sei. Hebräische Begriffe wie „Halleluja“ verschwanden, und Jesus wurde zum „arisch“ anmutenden „Galiläer“ umgedeutet, der in ständigem Kampf gegen das Judentum gestanden habe.

Kontinuität ohne Reue

Besonders erschütternd für das Publikum, darunter Pfarrer Marvin Lange, war die Erkenntnis der personellen und ideologischen Kontinuitäten nach 1945. Grundmann, der bereits vor 1933 begeisterter Nationalsozialist war, gelang es in der DDR, erneut eine einflussreiche Rolle in der theologischen Ausbildung einzunehmen. Seine Kommentare zu den Evangelien gehörten über Jahrzehnte zur Standardliteratur für Studierende in Ost und West.

„Ich frage mich, was ich eigentlich verschuldet habe“, schrieb Grundmann noch im Dezember 1945 und zeigte zeit seines Lebens keinerlei Reue oder Mitgefühl für die Opfer der Schoa. Pfarrer Lange zeigte sich bei der Begrüßung beeindruckt von der „Niederträchtigkeit“ dieser organisierten Kirchen-Nazis und schlug eine Brücke in die Gegenwart: Der Versuch, das Alte Testament aus dem Kanon zu verdrängen, sei kein Phänomen der Vergangenheit, sondern reiche von Markion (um 140 n. Chr.) bis hin zu aktuellen Debatten in der Kirchenhistorie des 21. Jahrhunderts.

Ein Mahnmal gegen das Vergessen

Dr. Lattki betonte, dass die Forschung heute – unter anderem durch Wissenschaftlerinnen wie Susannah Heschel – das Ausmaß der Mitschuld von Theologen wie Grundmann klar benannt hat. Grundmann sei ein „Täter am Schreibtisch“ gewesen, der die mentalen Voraussetzungen für den millionenfachen Mord schuf.

Für die Interessierten aus Fulda bietet sich bald die Gelegenheit zur Vertiefung: Im Juni plant die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Fulda e.V. eine Exkursion zum Eisenacher Lutherhaus, das seit 2019 eine dauerhafte Ausstellung zu diesem düsteren Kapitel beherbergt.

Der Abend klang bei Brezeln und Getränken, bereitgestellt vom Kirchenvorstand der Bonhoeffergemeinde, in einem regen Austausch über die Notwendigkeit einer wachsamen Theologie aus, die das Judentum als Wurzel des christlichen Glaubens schützt.


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