Gott ist immer bei den Angegriffenen

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Gott ist immer bei den Angegriffenen

Warum der Anschlag auf den Berliner CSD kein Zeichen des Himmels ist

Ende Juli griff ein Islamist beim Berliner Christopher Street Day Menschen an. Erzbischof Heiner Koch nannte die Tat schrecklich und gedachte der Opfer. Ein Leserbrief hielt ihm das vor: Der Anschlag sei ein Signal des Himmels, ein Aufruf zur Umkehr an ein sittlich verfallendes Abendland. Der Brief selbst wird schnell vergessen sein, doch die Frage dahinter bleibt: Kann man ein Verbrechen als Botschaft Gottes lesen?

Eine Beobachtung vorweg: Der Attentäter hielt sich selbst für ein Werkzeug Gottes und handelte unter der Annahme eines göttlichen Auftrags. Wer dessen Anschlag als Fingerzeig Gottes an ein bestimmtes Milieu deutet, teilt mit dem Täter die entscheidende Annahme: dass Gott durch diesen Anschlag sprechen würde. Strittig bliebe nur die Adresse. Wer ein Zeichen Gottes dort zu erkennen meint, wo der Täter eines setzen wollte, hat dessen Logik bereits übernommen. Daran ändert auch die lauteste Verurteilung der Tat nichts.

Woran erkennt man denn überhaupt, ob ein Ereignis ein Zeichen Gottes ist? Für Christen gibt es ein einfaches Maß: Am Kreuz hat Gott sich gezeigt als der Angegriffene, der Leidende, der Sterbende. Was diesem Bild widerspricht, kann kein Zeichen Gottes sein. Eine Deutung, die Gott auf die Seite des Gewalttäters stellt, hat ihn schon verfehlt, bevor sie den ersten Satz beendet hat. Am Kreuz steht Gott bei denen, die verletzt werden – dort ist sein Ort, auch in Berlin.

Aber hat Gott die Tat nicht wenigstens zugelassen? Die alte Antwort lautet: Gott bewirkt das Böse nicht, sondern er lässt es geschehen. Ein Mensch handelt aus eigener Freiheit böse, und Gott hindert ihn nicht. Wer nun behauptet, Gott habe diesen Mord als Botschaft an ein bestimmtes Milieu gewählt, behauptet weit mehr: Er macht aus dem Dulden ein Planen. Dann hätte Gott festgelegt, wen die Tat treffen und was sie bedeuten soll. Ein solcher Gott wäre kein stiller Zeuge fremder Schuld mehr, er wäre Auftraggeber.

Warum leuchtet der Gedanke vom strafenden Zeichen manchen trotzdem ein? In der Volksfrömmigkeit lebt ein älteres Gottesbild weiter: der zürnende Richter, der Ehre einfordert und Missachtung ahndet. Dieser Gott erklärt Leid, aber er erklärt es auf furchtbare Weise, denn er macht die Opfer stillschweigend mitschuldig. Es wäre entsetzlich, wenn Gott so wäre.

Damit bin ich bei der schwersten Frage: Warum hat ein liebender, allmächtiger Gott den Anschlag nicht verhindert? Ich habe darauf keine Antwort. Gott hat dem Menschen Freiheit gegeben, auch die Freiheit zum Furchtbaren, und eine Welt ohne diese Freiheit wäre keine bessere. Das Buch Hiob, das diese Frage in der Bibel am schärfsten stellt, endet folgerichtig ohne Erklärung. Gott beantwortet Hiobs Fragen nicht sondern er begegnet ihm. Vor dieser Begegnung verstummt Hiob. Dietrich Bonhoeffer, der von den Nazis im KZ ermordet wurde, hat aus dem Gefängnis heraus jede fromme Verrechnung von Leid und Sinn zurückgewiesen. Er wusste, wovon er schrieb, und verzichtete auf jeden billigen Trost, ohne auf Gott zu verzichten.

Das Böse beim Namen zu nennen und zugleich auf billige Erklärung zu verzichten, ist die schwerere Haltung, aber sie ist auch die einzig redliche. Gott sendet keine Attentäter. Er steht bei denen, die getroffen wurden, ohne dass sich daraus ableiten ließe, warum es sie traf. Alles andere ist Rede über Gott, die vor ihm nicht bestehen kann.

Pfarrer Marvin Lange, evangelische Bonhoeffergemeinde Fulda

Ein ausführlicher Essay dieses stark gekürzten Beitrages finden Sie hinter diesem Link.

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